Zeitzeuge2016

„Wir haben im Gefängnis mit Brotkrumen Schach gespielt"

Bald sind es auf den Tag 55 Jahre, dass Hartwig Kluge das letzte Mal noch vor dem Bau der Berliner Mauer in Ostberlin war. „Es gab Erdbeeren", erinnert er sich. Das war damals natürlich eine Seltenheit in der DDR, wo Kluge aufwuchs. Mit dieser Einleitung beginnt Hartwig Kluge seinen Vortrag. Er bringt uns Schülern der Stufe 9 am AMG im Rahmen des Zeitzeugenprogramms näher, wie er die sozialistische Diktatur erlebt hat, wie er versucht hat zu fliehen und schließlich in die BRD kam.

Viele, viele Menschen unternahmen ebenfalls Fluchtversuche, zum Beispiel durch die Tunnel von Ost- nach Westberlin. In einem dieser Tunnel entkamen 1964 sogar 57 Menschen, berichtet Kluge. Und so erzählt er von seinem Leben in der DDR und dem eigenen Fluchtversuch. Kluge geriet zunächst wegen Kleinigkeiten ins Visier der Stasi, beispielsweise weil er das Deutschlandlied sang oder Westfernsehen schaute oder sich kritisch über das Regime äußerte. Das erwünschte Studium mit den Fächern Germanistik und Sport konnte er nicht aufnehmen, da er trotz sehr guter Leistung durch das Auswahlverfahren fiel – der Grund war ein Brief, den er ahnungslos selbst übergeben hatte. Darin teilte der Schulleiter der Kommission mit, dass Kluge einem der DDR kritisch gegenüberstehendem Elternhaus entstamme. 1968 beteiligte er sich an einer Flugblattaktion gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei im August desselben Jahres und geriet so ins Visier des Staatsicherheitsdienstes. Kluge wollte nun die DDR verlassen. Über Freunde konnte er Kontakt nach Ungarn knüpfen, von wo er über Jugoslawien in die BRD gelangen wollte. An Silvester 1969 machte er sich also nach Ungarn auf, wohlweislich Hin-und Rückfahrt buchend, um seine Absichten, die er auch vor Familienmitgliedern und Freuden geheim hielt, zu vertuschen. Fern von jedem Stadtleben, in der „hintersten Pampa", wie Kluge es selbst beschreibt, lag das kleine Dorf in der Nähe der Grenze zu Jugoslawien. An jenem Abend fand aber unglücklicherweise eine Manöverübung statt und in der Dunkelheit lief er direkt einem ungarischen Polizisten in die Arme, der ihn prompt verhaftete und nach Budapest brachte. Von Budapest kam er dann wieder in die DDR, wo er in Halle, wegen „Republikflucht" zu einem Jahr und sechs Monaten verurteilt, im „Roten Ochsen" inhaftiert wurde. Die Behörden ließen seine Eltern auf Nachfrage im Ungewissen über den Verbleib ihres Sohnes. Als sie nach ungewissen Tagen und Wochen erfuhren, dass er zwar am Leben, aber gefangen war, seien sie zunächst erleichtert gewesen. Dann aber waren sie sehr erschüttert, erzählt er. Unter menschenverachtenden Bedingungen inhaftiert, lernte er Morsezeichen, wodurch eine Kontaktaufnahme von Zelle zu Zelle möglich wurde. Bei aller Betroffenheit und Beklemmung, die die Schilderung der Haft mit ihren Schikanen erweckte, gab doch auch manche Begebenheit, die uns Schülern ein Schmunzeln entlockte wie z.B. der Ideenreichtum der Gefangenen, um sich die Öde des Gefängnisalltags zu erleichtern: Mit abgebrannten Streichhölzern malten sie auf Toilettenpapier Schachfelder und bauten sich aus Brotkrumen und Mörtelstücken Schachfiguren. Die Schachzüge wurden jeweils mit Klopfzeichen vermittelt. Amüsant ist auch die Episode, wie seine Eltern vom Pfarrer seines Heimatdorfs eine Flasche Fruchtsaft mitbrachten. Er und seine Zellengenossen fanden beim Kosten dann heraus, dass der Fruchtsaft Fruchtwein war - eine Tatsache, die alle in Schwierigkeiten hätte bringen können. „Dann haben wir uns einen schönen Nachmittag gemacht", lächelt Kluge. Im Rahmen des Häftlingsfreikaufs gelangte er dann im Dezember 1969 in die Bundesrepublik.

Es war faszinierend, Herrn Kluge erzählen zu hören, und wir beide glauben, dass wir im Namen aller sagen können, dass wir über dieses Kapitel deutscher Geschichte jetzt mehr wissen und erkennen, dass diese Zeit sich nicht wiederholen sollte.

von Carolin Cermak (9a) und Raphael Weber (9b)