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Zum letzten Mal Sole-Abitur - Ein Rückblick von Peter Bunzel

Im Jahr 1992 begann der erste Sonderlehrgang am AMG. Jetzt, 20 Jahre später, findet am 14.12.2012 die letzte Abschlussprüfung statt. Die offizielle Bezeichnung lautet: "Sonderlehrgang für Spätaussiedler zur Erlangung der allgemeinen Hochschulreife/Fachhochschulreife (schulischer Teil)". Da diese Bezeichnung, gelinde gesagt, "sperrig" ist, reden wir meistens nur vom Sonderlehrgang oder "Sole". Sonderlehrgänge für Spätaussiedler wurden eingerichtet für Schüler aus Rumänien, Polen und der (ehemaligen) Sowjetunion. Diese Schüler hatten mit ihrem "Attestat" die nötige Qualifikation erreicht, um an Hochschulen ihres Landes studieren zu können. Da die Schüler aus der Sowjetunion aber bereits nach 11 Schuljahren diesen Abschluss erreicht hatten, wurde er in der BRD nicht als gleichwertig zum Abitur angesehen. Die Schüler hatten mit dem Sonderlehrgang die Möglichkeit, in zwei Jahren die Allgemeine Hochschulreife zu erwerben. Für Schüler aus Polen und Rumänien galt eine etwas andere Regelung. Da sie ihren Abschluss nach 12 Schuljahren gemacht hatten und ihre Deutschkenntnisse in der Regel gut bis sehr gut waren, dauerte der Sonderlehrgang für sie nur ein Jahr.

Begonnen hat alles am Staatlichen Aufbau-Gymnasium Rottweil.

Das ABG war eine Internatsschule und befand sich in der Kaiserstraße. Teile des Gebäudes blieben nach der Schließung der Schule erhalten. Drei Internatsgebäude wurden umgebaut und werden jetzt vom Finanzamt genutzt. Der Teil, in dem die Küche untergebracht war, wurde später in den Neubau der Polizeidirektion integriert. Am 1. März 1977 begann der Unterricht im ersten Sonderlehrgang mit 23 jungen Frauen im Alter von 18 bis 26 Jahren, die aus der UdSSR kamen. Der Altersdurchschnitt lag bei knapp unter 21 Jahren. Diese jungen Frauen waren im Internat des ABG untergebracht. Auf dem Stundenplan stand neben den Fächern, die auch heute noch im Sonderlehrgang unterrichtet werden, wie z.B. Deutsch, Englisch, Mathematik, Religion, Erdkunde, auch das Fach Französisch. Unterricht fand natürlich auch am Samstag statt, dazu an drei Nachmittagen. Erste Klassenlehrerin war Frau Köhnekamp. Im Team waren aber auch schon Frau Piepenbrock, die bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1997 Englisch unterrichtete, und Herr Köchling, der von 1983 bis 2003 Koordinator für die Sonderlehrgänge war. SoleStuttgartDie Schülerinnen konnten zwischen Englisch und Französisch wählen. In der ersten Woche fanden sich keine Teilnehmerinnen für Französisch. Daher wurde bereits in der zweiten Schulwoche der Stundenplan geändert und die Stundenzahl in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch, Erdkunde und Chemie aufgestockt. Nach den Sommerferien wurde die Stundentafel abermals geändert. Jetzt waren Latein und Textiles Werken dabei. Latein wurde aber nur ein Jahr lang unterrichtet. Von den ursprünglich 23 Teilnehmerinnen schieden im ersten Jahr bereits zehn aus. Zum Teil wollten sie eine Ausbildung machen, zum Teil fanden sie schon Arbeitsplätze. Zum Teil hatte es aber auch rein private Gründe. A propos "private Gründe": Im Internat war Herrenbesuch nicht erlaubt. Einige Teilnehmerinnen waren aber bereits verheiratet. Das hatte zur Folge, dass diese Frauen sich im Internat nicht mit ihren Ehemännern treffen durften. Es ist daher kein Wunder, dass die Teilnehmerinnen sich recht schnell Zimmer oder Wohnungen in der Stadt suchten. Es lagen nur sehr wenige Erfahrungen mit diesem Schultyp vor. Daher gab es in den ersten Jahren viele Tagungen, auf denen dann zum Teil sehr heftig darum gerungen wurde, wie die Lehrpläne für die Sonderlehrgänge aussehen sollten. Für die Sonderlehrgänge in Rottweil begann später das Schuljahr jeweils am 1. Februar. Die Abschlussprüfung fand dann im November (schriftliche Prüfung) und Dezember (mündliche Prüfung) statt.

Im Dezember 1983 konnte man im Schwarzwälder Boten lesen:
Das dritte Aussiedler-Abitur
Eine astreine "Einskommanull"
Sie kamen aus UdSSR, Polen, Rumänien / Spitzenmann aus der DDR

… Als diese Woche am Rottweiler ABG das Aussiedler-Abitur mit den mündlichen Prüfungen abgeschlossen wurde, schoß ein Mann den Vogel ab, der die DDR ohne Reifeprüfung verlassen hatte. Sein Notendurchschnitt: Eine glatte Eins; hinter dem Komma spielt sich nichts mehr ab. … Das dritte Aussiedler-Abitur [genauer: das dritte Abitur im einjährigen Sonderlehrgang, P.Bz.] ist nun in Rottweil gelaufen. Die Termine liegen außer der Zeit, da wegen der vorherigen Sprachkurse der Einstieg im Halbjahresrhythmus möglich sein muß. Neben dem regulären Aufgabenbereich hat sich ein Team aus dem Lehrerzimmer inzwischen für den Aussiedler- Unterricht spezialisiert – eine Aufgabe, in die man hineinwachsen muß wie der Schüler in die zunächst fremde und fremdsprachliche Umwelt, die hohe Anforderungen an ihn stellt.

Der Spitzenmann aus der DDR war übrigens kein Einzelfall. Insgesamt sieben Schüler/innen aus der DDR haben am Sonderlehrgang teilgenommen. Die meisten Schüler/ innen kamen zwar aus Polen, Rumänien oder der Sowjetunion (bzw. ihren Nachfolgestaaten). Aber es gab auch Teilnehmer/innen aus der CSSR und Ungarn. Und auch eine Spätaussiedlerin aus China war dabei. Sie wurde in Tientsin in der Nähe von Peking geboren. Betrachtet man die Nachfolgestatten der UdSSR genauer, so kamen mit Abstand die meisten Teilnehmer aus Kasachstan und Russland. Aber auch Kirgistan, Tajikistan, die Ukraine, Usbekistan, Weißrussland, Georgien, Estland und Lettland sind auf der Teilnehmerliste vertreten.

Wie sehr sich die "große Politik" auf die Entwicklung des Sonderlehrgangs auswirkte, zeigt sich an folgendem Beispiel:
"Der Nato-Doppelbeschluss
Am 12. Dezember 1979 verabschiedeten die Außen- und Verteidigungsminister des Nordatlantikpaktes in Brüssel den Nato-Doppelbeschluss. Er sah Abrüstungsverhandlungen mit der Sowjetunion vor, aber auch eine Drohung: Sollten sie keinen Erfolg zeitigen, wollten die USA nach vier Jahren – also Ende 1983 – ebenfalls atomare Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II in Europa stationieren. Das war die Logik der Abschreckung, des Muskelspiels im Kalten Krieg." (www.zeit.de/wissen/geschichte/ 2009-12/nato-doppelbeschluss)
Sole2004 Als dann mit der Stationierung begonnen wurde, kamen keine neuen Schüler/innen mehr aus der Sowjetunion. Mit einer kleinen zeitlichen Verzögerung wirkte sich das so aus, dass im Jahr 1985 die kleinste Klasse des Sonderlehrgangs mit 3 Schüler/innen zum Abitur geführt wurde. Viele sahen schon das Ende des Sonderlehrgangs gekommen, aber in den Folgejahren nahm die Zahl der Schüler/innen – zunächst aus Polen und Rumänien, später auch wieder aus der UdSSR – ständig zu und erreichte ihren Höchststand im Jahr 1991 mit 124 Schüler/ innen in 5 Klassen. In den Jahren 1992 und 1993 gab es dann Klassen sowohl am ABG als auch am AMG, bevor ab 1994 der Unterricht ausschließlich am AMG stattfand.

Sonderlehrgänge für Spätaussiedler gab es in Baden-Württemberg in Rottweil und Meersburg (Schuljahresbeginn am 1. Februar) sowie Stuttgart und Mannheim (Schuljahresbeginn nach den Sommerferien). Die enge Zusammenarbeit zwischen Rottweil und Meersburg (Korrektur der Prüfungsarbeiten; mündliche Prüfungen) wurde 1997 noch verstärkt, als zum ersten Mal nach dem sogenannten "Y-Modell" geprüft wurde. Ein Teil der Schüler konnte die Fachhochschulreife (schulischer Teil) erwerben, der andere Teil die allgemeine Hochschulreife. Dabei wechselten sich die Schulen in Meersburg und Rottweil ab. Im Laufe der 35 Jahre haben in Rottweil etwa 750 Schüler/ innen die allgemeine Hochschulreife erworben und etwa 60 die Fachhochschulreife nach dem Y-Modell. Neben vielen weiteren Unternehmungen gehörten Besuche im Landtag, im Europaparlament, im Technorama und dem KZ Struthof zum festen Programm. Der Höhepunkt des Jahres war natürlich die Abschlussprüfung … und die abendliche Abschlussfeier. Dabei gab es musikalische Highlights; manchmal war es sehr feierlich und oft sehr lustig. Bei einer dieser Feiern "beschwerten" sich die Schüler: "Wir stehen unter Herrschaft von KGB". Eigentlich war der KGB der sowjetische In- und Auslandsgeheimdienst, der von 1954 bis 1991 bestand. In diesem Fall waren aber die Kollegen Köchling, Gerhardt und Bunzel gemeint, die lange Jahre mit der Leitung der Sonderlehrgänge betraut waren.

Sole2002Von den vielen Projekten, die im Sonderlehrgang durchgeführt wurden, sollen nur einige erwähnt werden. Im Jahr 1994 drehte die Klasse 13 einen Film, in dem sie sich auf humorvolle Weise mit den verschiedenen Lehrer- und Schülertypen und dem typischen Tagesablauf (privat und schulisch) im Sonderlehrgang auseinandersetzten. Insbesondere die kleinen Eigenheiten der einzelnen Lehrer spielten die Schüler liebevoll nach. Im Abspann gab es dann auch Originalaufnahmen der Kollegen. Mit dem Jahrgang 2001 wurde fächerübergreifend (Deutsch / Geschichte / Gemeinschaftskunde / Informatik) ein Projekt durchgeführt, bei dem es sowohl um geschichtliche Hintergründe als auch um typische Schwierigkeiten ging, mit denen Spätaussiedler in ihren Herkunftsländern und in Deutschland zu kämpfen hatten "In Russland war ich ein Deutscher – hier bin ich ein Russe". Mit diesem Projekt, das im Rahmen einer Multi-Media-Initiative des Landes bezuschusst wurde, konnte der zweite Beamer für das AMG angeschafft werden. Im Jahr 2006 führten unter der Leitung von Frau Pahlmann Schüler der Oberstufe Interviews mit Schülern des Sonderlehrgangs. Die Interviews sind im Jahrbuch 2006 abgedruckt. Es folgt ein kleiner Ausschnitt: … Inzwischen aber schätzt sie es sehr, in Deutschland ihre Zukunft Stück für Stück aufbauen zu können, allerdings gibt es Tage, an denen sich Natalja fremd fühlt. Jenes Gefühl der Fremde entsteht durch sprachliche Schwierigkeiten, einzelne Andeutungen, nicht erwünscht zu sein, und die Trennung von ihrer Familie und ihren Freunden. Zwar spürte sie auch in Russland manchmal eine Distanz zu den Bewohnern aufgrund ihres deutschen Namens und ihrer Herkunft. Dennoch verbindet sie mit dem Begriff Heimat den Ort ihrer Kindheit, Tula. …

Bei der Jahreshauptversammlung des "Vereines der Ehemaligen und Freunde des Albertus Magnus Gymnasiums" im Januar 2005 berichteten drei Schülerinnen über ihre Herkunftsländer: Russland, Kasachstan und Ukraine. Die Teilnehmer der Versammlung waren begeistert über die frei vorgetragenen interessanten Ausführungen.

Bedingt durch die besonderen Schullaufbahnen der Schüler/innen, gab es im Sonderlehrgang die ein oder andere besondere Situation, die es so in "normalen" Klassen nicht gibt. So gab es z.B. den Fall, dass eine Mutter und ihre Tochter gleichzeitig Schülerinnen des AMG waren: Die Tochter in Klasse 5 und die Mutter im Sonderlehrgang. Eine andere Schülerin des Sonderlehrgangs ging am Ende der Klasse 12 in den Mutterschutz, bekam zwei Kinder, baute mit ihrem Mann ein Haus, kümmerte sich um die Erziehung ihrer Kinder und kam nach über 10 Jahren wieder in die Klasse 13 des Sonderlehrgangs und machte ihr Abitur.

2012, nach über 35 Jahren dieser besonderen Schulform, macht der letzte Sonderlehrgang nun Abitur. Die Zeitläufe haben sich geändert, die Verwerfungen der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die noch bis heute auch die Schulkarrieren junger deutschstämmiger Menschen aus den Staaten Osteuropas geprägt haben, sind einer politischen Ordnung gewichen, die nicht mehr durch Konfrontation geprägt ist. In der neuen Normalität europäischen Miteinanders gehören nun auch die Sonderlehrgänge der Vergangenheit an.

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