Menü

Anmelden

Angemeldete Benutzer haben Zugriff auf den internen Bereich der Seite mit Sprechstunden, E-Mail-Adressen, usw.

Die Schulfahne des Albertus-Magnus-Gymnasiums über 100 Jahre alt. Da diese lange Zeit deutlich sichtbare Spuren am Stoff der Fahne hinterlassen hat, war sie restaurierungsbedürftig. Die Stiftung für Kunst, Kultur- und Denkmalpflege der Kreissparkasse hatte sich bereit erklärt, einen Betrag in Höhe von 2.500 aus den Erträgnissen der Stiftung für die aufwändige Stoffreparatur und Restaurierung bereit zu stellen. Dafür ist die Schule der Kreissparkasse Rottweil sehr dankbar. Ebenso der Stadt Rottweil, der - formal gesehen - die Fahne gehört und die die über den Zuschuss der Kreissparkasse hinausgehenden Renovierungskosten übernommen hat. Zum 100-jährigen Geburtstag konnte die Fahne dann in einem eigens dafür angefertigten Schaukasten, in dem sie sicher verwahrt wird, an ihrem neuen Standort vor dem Festsaal bewundert werden. Die Restaurierung hat die Textilrestauratorin Frau Gabriele Braun vom Lindenmuseum in Stuttgart, die Herstellung der Vitrine die Firma Lutzeier aus Rottweil übernommen.

Schulfahne2Vier Daten, 1299, 1630, 1817 und 1907, fallen auf der Vorderseite der Fahne auf:
 Im Jahr 1299 (so wohl der Kenntnisstand im Jahr 1907) wurde die Lateinschule der Stadt Rottweil erstmals mit ihrem "rector puerorum" erwähnt. Herr Dr. Hecht, der langjährige Archivar der Stadt Rottweil, kann in der Zwischenzeit eine ältere Datierung dieser Schule dadurch belegen, dass ein "Burcardus scolaris" aus Rottweil bereits 1275 in einer Quelle genannt wird. 
1630 (am 29. August) übernahmen die Rottweiler Dominikaner die lateinische Stadtschule und bauten sie zu einem Vollgymnasium aus.
Seit 1817 (11. November feierliche Eröffnung durch den Rektor P. Basilius Beck) darf sich die Schule "Königlich Württembergisches Gymnasium" nennen.
Das letzte Datum, 1907, deutet wohl auf das 90-jährige Jubiläum dieses Ereignisses hin. Leider konnte bisher weder in den schulischen Unterlagen, noch in den bekannten Veröffentlichungen von Herrn Oberstudiendirektor Dr. August Steinhauser, noch in städtischen Quellen etwas über die Entstehung der Fahne gefunden werden. Es wird vermutet, dass sie als Stiftung im Jahr 1907 der Schule übergeben wurde.
Eine Anekdote aus der langen Geschichte der Fahne ist erwähnenswert. Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges verschwand sie aus einem "Kasten im unteren Gang neben dem Putzraum", in dem sie bis dahin aufbewahrt worden  war, so der Bericht des Schulleiters Dr. Betz. 
Erst am 29. August 1955 gab es durch einen Brief aus Frankreich einen Hinweis auf ihren Verbleib. Ein M. Gavier schrieb aus Gollbach (heute Golbet) an den Bürgermeister der Stadt Rottweil, Herrn Gutknecht:

Schulfahne1„Ich habe die Ehre, Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass ich kürzlich eine Fahne aufgefunden habe, die, wie ich glaube, dem Gymnasium Rottweil gehört. Sie trägt folgende Inschriften: Rottweil a.N. Königl. Gymnasium und Jahreszeiten 1907 – 1817 – 1630 – 1299 auf einer Seite. Auf der anderen Seite steht NON SCHOLAE SED VITAE und AO. Die Vorderseite stellt einen Hirsch und einen Löwen dar, die ein Schildchen aus dem Wappen Württembergs tragen… Und eine Krone sowie ein Band mit der Aufschrift „furchtlos u. treu“… Die andere Seite zeigt eine Frauenfigur, die in der linken Hand einen Stock und in der rechten einen Olivenzweig hält… Das ganze ist sehr hübsch und ausgezeichnet erhalten… “.

In einem weiteren Brief vom 13. September 1955 schreibt Mme. Gavier:

„Als wir die Fahne entdeckt hatten, brachten wir sie zu einem frz. Sammler, der uns dafür den Betrag von 150.000 (FF) bot. Wir sind nicht sehr reich, dafür aber leider gewissenhaft und ehrlich. Wir haben uns also entschlossen, an Sie zu schreiben. Ich hoffe jedoch, dass Sie es für richtig halten, dass wir eine Belohnung verdienen…“.

Der Gemeinderat der Stadt Rottweil tagte am 21. September 1955 über den Vorschlag. Herr Oberstudiendirektor Grohe benachrichtigte mit folgendem Brief die Finder über das Ergebnis der Abstimmung:

„... Wir waren uns von Anfang darüber im Klaren, dass Ihre Ehrlichkeit u. Ihr freundliches Angebot, uns unsere Fahne zurückzusenden, eine Anerkennung verdient ... Der Bürgermeister und der Gemeinderat der Stadt Rottweil ... beschloss, dass Sie eine Belohnung von 100 DM erhalten sollen ... Wir würden uns freuen, wenn wir damit Ihrem Wunsche entsprechen könnten, und wenn Sie sich entschliessen wollten, die Fahne zu senden, zumal sie für Sie doch wenig Wert hat. Wir würden so auch mithelfen, alte Ressentiments, die leider immer (noch) zwischen unseren beiden Völkern bestehen, im Geiste der Versöhnlichkeit u. der Freundschaft, an der uns doch so viel liegt, zu beseitigen..."

Der Finderlohn von 100 DM wurde akzeptiert und der Bürgermeister der Stadt Rottweil, Herr Gutknecht, und der Schulleiter des Gymnasiums, Herr Oberstudiendirektor Grohe, fuhren am 16. Juni 1956 gemeinsam in Begleitung des Sohns des Bürgermeisters, Rainer Gutknecht, mit dem Dienstagen der Stadt Rottweil nach Golbet, um die Fahne zu holen. Interessant ist noch eine handschriftliche Notiz von OStD Grohe:

„Die Fahne am Sa. den 16. Juni 56 von H. Bürgermeister u. d. Schulleiter Grohe in Golbet abgeholt. Monsieur Gavier ist Berufssoldat, er gibt an, die Fahne auf der Bühne seiner Dienstwohnung vorgefunden zu haben. Er selbst kann die Fahne 45 nicht mitgenommen haben. Damals war er noch gar nicht bei der Armee. Grohe."

Außer dem Zeitzeugen dieses Vorgangs, Herrn Dr. Rainer Gutknecht, konnten sich bisher keine Ehemaligen an die Rückkehr der Fahne ins AMG erinnern. Vielleicht hilft dieser Bericht, etwas Licht in die Geschichte der Fahne zu bringen.
Die Fahne wurde wohl noch einige Jahre bei der Fronleichnamsprozession mitgeführt, geriet aber dann in Vergessenheit. Dieses Schicksal wird sie aber nach erfolgreicher Restauration und Präsentation in ihrem neuen Schaukasten vor dem Festsaal in der Zukunft nicht mehr erleiden müssen.

Bernd Radestock

Go to top