Die Idee stand am Anfang! Ein vom Projekt Schule als Staat überzeugtes Organisationsteam aus Schülerinnen und Schülern hatte zunächst die Gesamtlehrerkonferenz zu gewinnen, und als diese Hürde genommen war, musste über Monate hinweg intensive Vorbereitungszeit geleistet werden, die viel Zeit der Organisatoren in Anspruch nahm. Schließlich wurde das Projekt von sehr vielen in der Schule immer mehr und voller Erwartung herbeigesehnt.

Am vergangenen Mittwoch, 13.12.2013, war es so weit: Das AMG verwandelte sich in Cucania. Die Schulleiterin, zum royalen Staatsoberhaupt geworden, sagte in ihrer Einführungsrede:

„Endlich fängt unser großes Projekt an. Unsere Schule verwandelt sich in einen Staat, in dem wir alle, Schüler und Lehrer, dreieinhalb Tage zusammenleben und arbeiten werden. […] Es ist ein Experiment, das wir das wagen; manche Unsicherheitsfaktoren gibt es noch, aber ich bitte euch alle ganz herzlich: Lasst euch auf das Experiment ein, reagiert flexibel, wenn vielleicht etwas nicht so perfekt funktioniert, wie ihr es euch vorgestellt habt, redet miteinander. Fast alle Probleme sind lösbar, und ein wichtiges Ziel hat dieses Experiment ja auch: Wir wollen etwas lernen. Wir wollen lernen, wie gewisse Abläufe in einem Staat ablaufen und das in unserem kleinen Land üben.“

Genau das haben wir nun dreieinhalb Tage versucht. Die cucanischen Politiker haben bereits im Vorfeld Wahlkampf gemacht, es wurden Wahlen abgehalten und eine Regierungskoalition gebildet. Nun hatte diese sich zu beweisen. Cucania wollte regiert werden. Regelmäßige Parlamentssitzungen und Debatten fanden statt. Auch die Zweite Kammer tagte regelmäßig. Währenddessen gingen die gewöhnlichen Cucanier ihren Berufen nach. Sie arbeiteten als Musiker im Staatsorchester, in Behörden (wie z.B. dem Arbeitsamt, dem Standesamt oder der Post), berichteten als Journalisten über den cucanischen Alltag und schrieben für die beiden in Cucania erscheinenden Zeitungen. Andere führten Lokale, die Fressgasse im ersten Obergeschoss bot vieles und lud zum Verweilen ein. Das Fitnessstudio allerdings wurde von den überwiegend offensichtlich unsportlichen Cucaniern wenig besucht. Die Polizei sorgte für Ruhe und Ordnung im Staat, das Gericht verhandelte Straftaten. Einige wenige Cucanier hatten sich für eine kriminelle Karriere entschieden. Das ist ja auch eine Möglichkeit, an Geld zu kommen, die allerdings hoffentlich nach Beendigung der Schullaufbahn nicht in Betracht gezogen wird. Das Theater probte, die Warenausgabe versorgte mit allem, was zur Führung der jeweiligen Betriebe gebraucht wurde. Das Atelier bot Künstlern einen Wirkungskreis, die in orange gekleideten Frauen und Männer entsorgten anfallenden Müll, und täglich wurde kontrolliert, wer in den Staat einreiste oder ausreiste.

Ja, es war turbulent im Staat Cucania. Wem all das zu viel wurde, der konnte in der Kirche, die Meditation und Besinnung ermöglichte, zur Ruhe kommen. Natürlich wurde im Staat Cucania nicht nur gearbeitet. Die Tage waren in drei Schichten gegliedert, von denen jeweils eine der Freizeitgestaltung diente: Workshops ermöglichten Ablenkung und Abwechslung: Weihnachtliche Basteleien, Spiele, klettern in der Kletterhalle, Holzarbeiten in der Schreinerei, tanzen sind einige Beispiele dessen, womit die Cucanier ihre Freizeit gestalten konnten … Und die Bücherei hatte für jede Leseratte und jeden Bücherwurm immer geöffnet.

Die Cucanier nahmen an einem durchaus interessanten Leben in ihrem Staat teil. Staatsoberhaupt und Regierungsvertreter begegneten einem auf der Straße, also den Fluren, sie unterhielten sich mit ihren Mitbürgern bzw. Untertanen. Die Königin wurde kurzzeitig entführt, Gott sei Dank aber wieder freigelassen. Halb Cucania hat geheiratet, auch die Kanzlerin: Frauen heirateten Männer, Männer Frauen, Frauen Frauen, Männer Männer, ein Mann zwei Frauen - gleichzeitig und nicht nacheinander!

Zusätzliche Veranstaltungen rundeten das Projekt Schule als Staat ab: Lisa-Marie Dickreiter, die Rottweiler Stadtschreiberin, hielt am Donnerstagnachmittag eine Lesung. Viele Cucanier kennen die weihnachtliche Spendenaktion, die alljährlich zu Spenden – auch für Bangladesch – aufruft. Am Mittwoch referierten Corinna Burgbacher und Lukas Jednicki über Projekte, die Netz in Bangladesch unterstützt, und wie die Ziele, Ernährungssicherung und Bildung, verwirklicht werden. Am Donnerstag fand eine Podiumsdiskussion zum Thema Bildung statt, an der Vertreter fast aller Parteien teilnahmen. Inhaltlich vertraten die Politiker ihre hinlänglich bekannten und z.T. umstrittenen Standpunkte. Neu war, dass die Organisatoren von Schule als Staat, die sich bei Landes-und Bildungspolitik erfolglos um Fördergelder für das Projekt bemüht hatten, jetzt wissen, dass sie Maker sind, nicht Taker. Na dann, herzlichen Glückwunsch!

Zusammenfassend sei gesagt: Die Cucanier haben sich in ihren Staat eingebracht, viele konnten von dem Projekt profitieren. Sicherlich haben sich einige dreieinhalb entspannte Tage gemacht und sich leidenschaftlich dem Nichtstun hingegeben: Wir lebten also in einem ganz normalen Staat! Auch deshalb, weil manches ein kleines bisschen schiefging.

Matthias Engler